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Christian Ludwig Attersee

EINER VON UNS; ERGÄNZUNG ZU HELD UND SCHURKE

Der Reichtum an Kunstfiguren, die in den Aufbereitungsbereich von Liebe und Sexualität fallen, ist groß: Don Giovanni vor allen, dann Dr. Faust, Casanova, de Sade; dazu gesellen sich in späteren Jahren Carmen, Lolita und Lulu als Beispiele. Rückblicke zu diesen Themen im Bereich des Tanz- und Musiktheaters aus unseren Tagen bis ins frühe Mittelalter sind notwendig, um die Wurzeln einiger der vorher genannten Kunstfiguren zu finden – einige dieser Wurzeln reichen bis in die Antike. Es wird freilich auch behauptet, Don Giovanni entstamme der spanischen ­Literatur des 17. Jahrhunderts (Tirso de Molina: „Verführer von Sevilla“).

Sprechen wir jetzt von einer weiteren Kunstfigur, von Don Giovannis Gegenkraft, dem steinernen Gast: in Mozarts Don Giovanni-Oper „Komtur“ genannt, die felsige Verkörperung von mythischer Schreckensmacht, ursprünglich ein unchristliches Element, später ein Reue einforderndes Standbild, umgeschrieben zu einem Abgesandten des christlichen Himmels. Was aber bleibt, ist ein übermenschlich eingreifender Vollstrecker von zu Stein gewordener Gewalt.

Don Juan und Faust, beide dramatische Darsteller einer katastrophengeladenen Welt, sichtlich Ausgeburten lateinisch-­spanischer Überlieferungsstoffe, wiedergefunden in den blutigen Macht- und Glaubenskämpfen des frühen Mittelalters, seither immer wieder neu gedeutet und beschriftet. Ketzertum, Machtgewalten und die vieldeutige Gnade Gottes gewäh­ren in diesen Zeiten der Rolle der Frau trotz aller Laster und Lustphantasien selten Brücken zur Gleichrangigkeit im Bereich der Begierdenphantasie.

Bewegen wir uns kurz in die Religionsvorstellungen des 11. bis 14. Jahrhunderts, so finden wir uns auch schnell in der Glaubensgeschichte der Katharer. Der Weltschöpfungs- und Funktionscharakter des Urbildes des christlichen Gottes wird bei den Katharern dem Schöpfer der Unterwelt gleichgestellt. Stellen wir also die Lebenssuche Don Giovannis – wir sprechen von Lust, Liebesabenteuern, Leidenschaft und Tod – in die Glaubenswelt der Katharer, so finden wir mit Phantasie besetzt sehr schnell einige Verwandtschaften und Übereinstimmungen beider Lebensweisen. In der Glaubenssumme der Katharer war der Teufel genau wie Gott ewig und die Schöpfung von materieller Welt und Fleisch von Teufels Hand geschaffen.

Verblüffend also die dualistischen Überschneidungen von Ketzerglauben und dem Weltbild des großartigen Lüstlings Don Giovanni. Verblüffend, aber auch erwartet: Don Giovannis Verzicht auf die universale ­Erlösung, die Ablehnung der Teilhaberschaft am Vollkommenen zugunsten der Haltung, das eigene Leben als Spiel zu und mit den Frauen den Leuchttürmen Gottes voranzustellen, zuletzt Sexualität und ihre vielfältige Formenwelt als Zeit/Zeitstücke zu sehen. Noch einmal zu den Katharern: Sie lehnten jede Form von Töten von menschlichem und auch tierischem Leben ab ... Hier geht Don Giovanni seinen eigenen Weg.

Es macht jedoch Spaß, Don Giovannis Nachhall kurzfristig als Keil in der Lebens- und Glaubenswelt der Katharer ein­gebettet zu sehen.

Liebessucht, Liebeswahn sind Don Giovannis persönlichste Findungen, er ist richtig beschrieben als Gesamtkunstwerk der Sexualität. Verschatten wir jetzt Brot, Wein und Fleisch vergangener Jahrhunderte und stellen Don Giovannis Liebessuche ins grelle, künstliche Nachtlicht unserer Städte, und wir werden in den Gassen und Straßen, an Hausecken und in Gebäudetüren so manchen Enkel Don Giovannis finden. Die Jagd nach Erguss im warmen Fleisch ist Ritual, ist das Ziel. Dokumente der Liebe, faszinierende Anziehungskraft, Archive voll Lust und List begleiten unsere Vorstellungen und Bilder der Welt Don Giovannis. Sein Nachhall lebt, seine Finten und Fallstricke am Weg zur körperlichen Liebe sind unvergessen, zuletzt wird der Schurke zum Helden, Frauentränen und Herzen auf Scheiterhaufen werden anderswo bewertet.

Lorenzo da Pontes Arbeit am Libretto zu Mozarts Oper „Don Giovanni“, 1787, ging schnell voran, er schrieb meist ab Mitternacht, trank Wein von Tokay, nahm Schnupftabak von Sevilla, und es stand auf seinem Arbeitstisch eine Musenklingel. In der ersten Arbeitsnacht schrieb der Librettist bereits die ersten beiden Szenen. Schon nach zwei Monaten war seine Arbeit an diesem Opernlibretto beendet. Wir können uns das alles gut vorstellen, da Ponte galt zu Recht in seiner Wiener Zeit als schillernde Persönlichkeit, sein Vorruf und sein Leben in Venedig gleichen großteils in ihrem überlieferten charakterlosen und skrupellosen Abenteurer­tum, in ihrer abgebrühten Technik betreffend Frauenaffären und in ihren sexuellen Belangen der immer auf Vorteil ­bedachten Librettofigur Don Giovannis.

Ein poetischer Zwischenruf dazu: Da Pontes österreichische Muse, einmal aus Biskuit, einmal aus Tassenschokolade vorstellbar, zeigt schnell die Durchsichtigkeit ihrer von wunderbarer Schönheit geprägten Fleischäpfel (so schreibt er). Da Ponte betritt durch dieses Tor die Keuschheit ihres Gartens, steigt von den Zweigen und Ästen ihres inneren Baumes ins warme Blütenfleisch ihres Geschlechts. Poesie und Leichtgläubigkeit schwelgen hier mit, Ausgangspunkte, unverhofftes Staunen, Erwartung und zitternde Unruhe freudenschreiender Nächte – all das, was zuletzt Don Giovanni am Rande seines Lebensendes versagt blieb.

Die Kunstfigur Don Giovanni, mehr als tausend Jahre alt, in an die 200 verschiedenen Libretti beschrieben, lebt als ­Mythos, nicht um die Schwester mit Freudentränen zu umarmen, sie ist eher vielmehr dazu verdammt, die Frauenwelt mit Ungeduld, Feuerpfeil und meist schrankenloser Leidenschaft zu bedrängen und zu Fall zu bringen. Die Darstellungskunst des Frauenjägers wird einseitig und rücksichtslos zum Ausdruck gebracht. Don Giovanni ist die Präzision eines

 

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